Depesche Nr. 7 / Jahrgang 2018
Depesche Bürgerwehr und Trachtengruppe Villingen 6 Ausgabe Nr.7, Jahrgang 2018 Von Peter Graßmann Der Umbruch vom Spätmittel- alter zur Frühen Neuzeit war turbulent, ereignisreich und allzu oft blutig. Buchdruck, Entdeckung Amerikas, Refor- mation – das sind nur einige Eckpunkte, die diese Über- gangszeit markieren. Doch noch etwas anderes war prägend für den Beginn der neuen Epoche in Europa: die so genannte "Türkengefahr“. Gemeint ist die Angst vor der Ausbreitung des Osmanischen Reiches, das 1453 Konstantinopel erobert hatte und 1529 den "goldenen Apfel der Christenheit“ ins Visier nahm – Wien. Schauermärchen von grausamen Massakern, eine Kette aufsehenerregender militärischer Erfolge und die augenscheinliche Fremdheit der Eroberer versetzten ganz Europa in Aufruhr und nährten Unter- gangsängste apokalyptischen Ausmaßes. Fast 300 Jahre lang blieb die türkische Bedrohung der weltpolitische Hintergrund, vor dem sich erstmals eine gesamteuropäische Identität herausbildete. Auch an Villingen gingen diese Entwicklungen nicht spurlos vorüber. Als Teil Vorderöster- reichs war man der Hauptstadt der Habsburger treu verbun- den, und als Sultan Süleyman 1529 sein Heer vor den Toren Wiens lagern ließ, fühlte man sich auch am Schwarzwaldrand unmittelbar bedroht. Zugleich faszinierten die fremdländische Kleidung, die merkwürdigen Bräuche und die exotischen Tiere im Gefolge der Soldaten – Kamele! – die europäische Öffentlichkeit. Das spiegelt sich deutlich in der Kunst jener Zeit wider, etwa am berühmten Port- rät Tizians von Sultan Süleyman mit seinem riesigen Turban. Aber auch auf Kunstwerken aus der Villinger Geschichte finden wir Darstellungen, die vor die- sem Hintergrund zu verstehen sind. Schielende Türken und strei- tende Christen Die eindrucksvollste unter ihnen ist sicherlich das Epitaph des Johanniter-Komturs Wolfgang von Maßmünster. Dieser hatte sich 1522 an der Verteidigung der Johanniter-Festung Rhodos gegen die anrückenden Osma- nen beteiligt – ein vergebliches Bemühen, denn die Festung wurde nach halbjähriger Belage- rung eingenommen. Das Ereig- nis war für den Johanniterorden ebenso wie für den Menschen Maßmünster wohl so prägend, dass es auf dessen Gedenkstein verewigt wurde. Darauf sehen wir eine christliche und eine osmanische Flotte, antagonis- tisch einander gegenüberge- stellt, mit individuell gestalteten Figuren, die gestikulieren und ihre Waffen erheben. Zwar sind die Schiffe der Christen größer, prächtiger und zahlenmäßig überlegen, doch scheint sich in der lebendigen Interaktion der osmanischen Figuren auch eine gewisse Sympathie auszudrü- cken (Abb. 3). Deren prächtige Kostümie- rung wird durch fantasievolle Elemente wie Rundschilde mit Gesichtern ergänzt, die keine historische Vorlage haben, aber den exotischen Charakter der Fi- guren unterstreichen. Dasselbe Villingen und die Türkenkriege Abb. 1: Ausschnitt eines reitenden Türken | Abb. 2 rechts: Wappenscheibe mit österreichischem Bindenschild, Franziskanermuseum
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