60 Jahre lang waren sich die „Historischen“ in Villingen in herzlicher Abneigung oder Ignoranz verbunden. Die Blauröcke von der Stadt- und Bürgerwehr und die Grünröcke vom Historischen Grenadiercorps 1810 konnten sich lang nicht recht riechen. Doch jetzt stehen die Zeichen auf Annäherung: Wenn am heutigen Mittwoch der Markgraf Max von Baden auf seiner Kutschfahrt durchs Badner Land in Villingen Station macht, wollen die bislang konkurrierenden historischen Wehrgruppen den hochadeligen Besucher gemeinsam und im freundschaftlichen Schulterschluss empfangen.
„Für uns ist das ein historischer Moment, um mit der Bürgerwehr etwas zusammen zu machen“, hebt Wolfgang Kunle hervor, der Hauptmann und Vorsitzende des Historischen Grenadiercorps. Die Grenadiere werden nämlich den Markgrafen und dessen Kutsche vom Treffpunkt am ehemaligen Villinger Krankenhaus in die Innenstadt zu Fuß eskortieren, begleitet von acht Reiterinnen und Reiter der Bürgerwehr. Auf dem Villinger Münsterplatz werden Grenadiere und weitere Gruppen der Bürgerwehr- und Trachtengruppe dem Spross des Hauses Baden und dessen Gefolge heute um 18 Uhr einen gemeinsamen militärischen Empfang bereiten (wir berichteten). Das Kommando hat in diesem Falle Wolfgang Kunle von den Grenadieren, der diesen Empfang aufgrund der guten Beziehungen zum Hause Baden organisiert hat.
Vor wenigen Jahren noch wäre dieser gemeinsame Empfang und die Unterordnung der Bürgerwehr unter das Kommando der Grünröcke kaum denkbar gewesen. Denn bei den Grenadieren handelt es sich um Abtrünnige aus den Reihen der Bürgerwehr. Und „Deserteure“ mag man beim Militär bekanntlich nicht.
Allerdings liegt der Streit schon sechs Jahrzehnte zurück. Es war im Jahre 1955, als einige Infanteristen der Bürgerwehr den Rücken kehrten und einen eigenen Verein, das Historische Grenadiercorps, gründeten. Die genauen Ursachen des damaligen Streits kennen offenbar nur noch wenige. Kurt Kunle, der ehemalige langjährige Kommandant des Grenadiercorps, erinnert sich noch an den Auslöser der Abspaltung. Der damalige Kommandant der Bürgerwehr, Franz Kornwachs, habe zwei Kameraden nach einer Tagung in Harmersbach dort einfach sitzen lassen und sei nach Hause gefahren. Den Hintergrund des Affronts weiß Kunle auch nicht mehr zu berichten. Das Ende vom Lied aber war, dass eine Reihe von Mitgliedern der Infanterie aus der Bürgerwehr austrat. Um sich von der Bürgerwehr-Infanterie zu unterscheiden, gründeten sie ein Grenadiercorps. Ein solches war historisch belegt, denn nach 1810 gab es im Villinger Bürgermilitär auch eine Grenadier- sowie eine Füsilierabteilung, die ab 1830 zur Infanterie vereinigt wurden.
Die Animositäten von einst sind inzwischen in den Hintergrund getreten, zumal in beiden Vereinen neue Männer an der Spitze stehen, die davon unbelastet sind. Das gilt für Major Hans-Joachim Böhm, den Vorsitzenden der Bürgerwehr, der 2014 sogar zum Kommandanten des Landesverbandes der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen aufgestiegen ist. Er äußert seine Freude über die gute Kooperation mit den Grenadieren. Nicht minder Wolfgang Kunle, der seinen Vater Kurt als Kommandant der Grünröcke beerbt hat. Der Besuch des Markgrafen „ist unsere erste Zusammenarbeit“, berichtet er. Wie es aussieht, zeichne sich eine Annäherung der beiden Vereine ab, was Kunle mit Genugtuung quittiert. „Für uns ist der Streit Schnee von vorgestern. Es wird Zeit, das wir ihn begraben.“
Ein gemeinsamer Ursprung
Die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe und das Historische Grenadiercorps 1810 besitzen gemeinsame Wurzeln und gehen erst seit 1955 getrennte Wege.
? Das Bürgermilitär von 1810: Beide Vereine leiten sich vom 1810 gegründeten Bürgermilitärcorps ab. Damals wurde der Stadt Villingen von der Großherzoglich Badischen Verwaltung das Direktorium für den Donaukreis zugesprochen. Zu Repräsentations- und Ordnungszwecken wurde ein freiwilliges Bürgermilitärcorps mit einem Grenadier-, Füsilier- und Kavalleriecorps sowie einem Musikcorps gegründet.
? Grenadiercorps: Bei einer militärischen Reorganisation im Jahre 1830 wurden die Grenadierkompanie und die Füsilierkompanie zur Infanterie fusioniert. Als sich das Historische Grenadiercorps im Jahre 1955 als
historische Wehrgruppe neu gründete, orientierten sich die Vereinsmitglieder an den Grenadieren vor der Reorganisation von 1830. Das Grenadiercorps beteiligt sich u.a. an der Nachstellung historischer Schlachten und veranstaltet das jährliche Neujahrsschießen auf dem Hubenloch.
? Historische Bürgerwehr: Der Zunftmeister der Villinger Narrozunft, Franz Kornwachs, hob Ende der 1940er Jahre die Bürgerwehr als historische Gruppe aus der Taufe und wurde erster Kommandant. Auf die Miliz folgte 1951 eine Abteilung Infanterie nach dem historischen Vorbild von 1830. Damit entsprach die Villinger Bürgerwehr dem historischen Vorbild des Bürgermilitärs zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der weißblauen Farbgebung. 1990 gab sich der Verein eine neue Satzung, löste sich von der Narrozunft und wurde unter dem Namen Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe selbstständig. Zum Verein gehören die Abteilungen Infanterie, Kavallerie, Musik, Miliz,
Trachtengruppe und Tanzgruppe.
? Trennungsjahr 1955: Aufgrund interner Zwistigkeiten gründeten sieben ehemalige Mitglieder der Historischen Bürgerwehr am 9. September 1955 im Café Jauch das Grenadiercorps 1810.


