Artikel

Rieggers Renaissance mit „Rösle“

Von Südkurier |

Der Bürgerwehr-Kommandant als Wettkämpfer. Manfred Riegger aus Villingen steuert eine schwierige Random-Bespannung durch einen französischen Schlosspark. 74-Jährig startete er jetzt erstmals wieder bei einem Wettkampf, nach drei Jahrzehnten Turnierpause. Rieggers Steuerkünste werden noch beeindruckender, wenn man weiß, dass das erste Pferd in seinem Gespann, eine Stute namens „Rösle“, blind ist.

VS-Villingen – Manfred Riegger ist noch einmal vom Wettkampf-Fieber erfasst worden. Kaum zu glauben, aber Fakt. Am vergangenen Wochenende rückte er aus – und wie: Dass der Kommandant der Villinger Bürgerwehr vor nichts und niemandem zurückschreckt, das ist bekannt. Aber was er jetzt gemacht hat, das verdient echten Respekt. Nach über 30 Jahren Pause ist er erstmals wieder bei einem Fahrturnier gestartet. Mit einem ganz besonderen Gespann und obendrein mit einem blinden Pferd.

Manfred Riegger hat wie kein Zweiter weit und breit eine kundige Hand und einen absolut sicheren Blick mit den Zügeln in der Hand. Auf dem Kutschbock ist er ein König, wer ihn näher kennt, der weiß, er fuhr früher internationale Meisterschaften und startete sogar beim Aachener CHIO.

Und das vergangene Wochenende, das war so etwas wie die verspätete Krönung einer langen Karriere eines ganz besonderen Pferdeliebhabers. Rieggers Augen blitzen, wenn er von seinem Wochenende spricht. Dass er sein „Rösle“, eine erblindete Oldenburger Stute, für sein Turnier-Revival eingespannt hat, ist schon spektakulär genug. Riegger selbst muss schmunzeln, wenn er sagt, „niemand kapiert das, wie man mit einem blinden Pferd so fahren kann“.

Der Villinger hat aber nicht nur sein „Rösle“ vorspannt. Die besondere Herausforderung bei diesem Traditionsturnier war, dass er drei seiner Oldenburger hintereinander eingespannt hat. „Random“ nennen das die Experten und Riegger sagt ganz beiläufig, dass so eine Formation niemand außer ihm bei uns in der Region fahren kann. Als Führungspferd ganz vorne lief sein „Rösle“ und Manfred Riegger belegte bei seinem Turnierstart Platz zwei im Feld. Ein Franzose trat im schicken Schlosspark von Cuts, nördlich von Paris, in der gleichen Klasse gegen den Villinger an. Der Franzose wurde mit drei Fehlern Sieger, Riegger wurde zweiter, mit fünf Fehlern. Und das als Turnierneuling.

Wer noch mehr Hintergründe kennt, der staunt munter weiter: Manfred Riegger hat sich seit einem halben Jahr nur mit zwei Rössern in so genannter Tandembespannung auf das Ereignis vorbereitet. Eigentlich wollte er mit einem Tandem starten – und sattelte dann noch sozusagen einen drauf: Drei Pferde vor der Deichsel.

Rieggers Kontrahent ist geübt, macht das seltene Spiel seit Jahren und vielfach, Villingens Bürgerwehr-Kommandant trat als echter Sportsmann an und beeindruckte in Frankreich Ross und Reiter.

Zwanzig Hindernisse mussten durchfahren werden, schildert Riegger. Das Schwierige an einer Tandem- oder gar Random-Formation sei, dass „die Rosse alleine laufen müssen“, wie er selbst sagt. Die Pferde sind es eher gewöhnt, neben einem anderen Pferd vor einer Kutsche zu laufen. Diese Sicherheit fehlt den Pferden hier, es ist höchste Steuerkunst gefragt und „absoluter Gehorsam“ der Tiere, wie Manfred Riegger stolz erklärt.

Ein Hindernis besteht aus einer mit Kegeln markierten Strecke, fällt nur ein Kegel infolge einer Berührung, so gilt dies als Fehler. Bei der Hindernisdurchfahrt mit dem Gespann sind links und rechts jeweils nur 15 Zentimeter Platz, deshalb ist höchste Konzentration erforderlich.

Manfred Riegger hat sich mit seinem Tandem ein halbes Jahr auf seinen Turnierstart auf den Erbhöfen vorbereitet. Und weil ein Bürgerwehr-Kommandant nicht mit irgendeinem Gespann vorfahren sollte, wurden ein paar gute Bekannte aktiv. Ein so genannter Dog-Cart aus dem Jahr 1895 wurde von Ernst Maier und Kaspar Naas fürsorglich restauriert. Ein Dog-Cart ist eine kleine Kutsche mit einem Korb für einen Hund. So ritten die Herrschaften früher zur Jagd aus und so fuhr Manfred Riegger nun im Schlosspark zu Cuts vor. Und selbstverständlich in voller Bürgerwehr-Montur. Begleitet wurde er von seinen Beifahrern Clemens Grießhaber und Ernst Maier. Vorneweg trabte das blinde „Rösle“ und das Wochenende geriet zur dermaßen tollen Schau, dass davon auszugehen ist, dass Manfred Riegger eine zweite Turnier-Karriere startet. Erste Einladungen für weitere Turnierteilnahmen liegen schon auf seinem Tisch. Genaue Pläne lässt er sich nicht entlocken. Er schmunzelt nur auf Villingerisch: „Ha, da kunnt jetzt schon no sell und sell.“ Was übersetzt nichts anderes heißt als: Im Alter von 74 Jahren wird Manfred Riegger noch einmal zum stolzen Wettkämpfer, begleitet von seiner blinden Oldenburger Stute, dem „Rösle“.

Zurück