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So farbenfroh ist die alte Villinger Tracht

Von Südkurier |

Diese Aufnahme aus dem Jahr 1930 zeigt die Besitzerin der Tracht, Emilie Tahlweißer (Dritte von rechts). Sie trägt eine so genannte Becherhaube, die schlichter gehalten ist als die Radhaube. Auch diese Haube geht in den Besitz der Bürgerwehr und Trachtengruppe. Bild: Privat

VS-Villingen - Für die heimische Trachtengruppe war es eine kleine Sensation. Vor einiger Zeit wurde ihr eine alte Villinger Tracht aus einem Nachlass geschenkt, die etwa aus der Zeit zwischen 1910 bis 1920 datiert.

Aus dieser Zeit besaß der Verein bisher keine Tracht. Erstaunlich war nicht nur ihr gut erhaltener Zustand, sondern auch ihre ungewöhnliche Farbenfreude.

Inzwischen steht das Prachtstück, auf einer Kleiderpuppe ausgestellt, im Büro von Hans-Joachim Böhm, dem Vorsitzenden der Bürgerwehr und Trachtengruppe Villingen. Und der freut sich gar mächtig über die Schenkung und die wertvolle Bereicherung für den Vereinsfundus. Wo allerdings die Tracht ein repräsentatives Ausstellungsplätzchen finden könnte, ist noch offen.

Die Frage nach einem Ausstellungsort ist noch offen

Dominik Schaaf, der Kammerverwalter der Trachtengruppe, der die Tracht gemeinsam mit Cornelia Seifried bei der Spenderin abgeholt hatte, findet die Schenkung ebenfalls bemerkenswert. „Dieses Exemplar ist ein Hinweis, dass die Trachten wahrscheinlich farbenfroher waren als wir bisher gedacht haben“, vermutet er.

In der Trachtengruppe wurde bisher immer angenommen, dass das Kleid der Villinger Tracht schwarz oder aber in einem gedeckten Farbton gehalten war. Diese Annahme scheint hinfällig. Klar sei aber, dass sich die Villinger Tracht durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder verändert hatte und diversen Modeströmungen unterworfen war.

Überrascht hat die Originaltracht auch mit einigen weiteren Details:

  • Die Trachtenjacke wurde unter dem Rock getragen, der Schurz darübergebunden. Heute machen dies die Trachtenträgerinnen umgekehrt: Die Jacke kommt über den Rock.
  • Das Schößchen um die Hüfte ist bei dieser Tracht ein separates Stück, das abgenommen werden kann. Der Grund ist einleuchtend. Hat die Trachtenträgerin das Schößchen und die Schürze abgelegte, konnte sie das Trachtenkleid als einfach hängendes Kleidungsstück im Alltag nutzen. Es war damit multifunktional und praktisch.
  • Die Kragenspitzen sind nicht mit dem Kleid vernäht, sondern wurden hier am Schultertuch angenäht.
  • Außerdem wurde die Schürze vorne am Bauch gebunden und nicht, wie man das heute macht, am Rücken.

 

Radhaube und Becherhaube

Vermutlich, so lautet das Fazit von Dominik Schaaf, gab es früher bei der Ausgestaltung der Tracht „eine viel größere Vielfalt als wir heute glauben“. Mit der Schenkung der 100 Jahre alten Tracht gelangte der Verein auch in den Besitz eines Fotos, das die ehemalige und inzwischen verstorbene Besitzerin Emilie Tahlweißer auf einem Gruppenfoto mit weiteren Trachtenträgerinnen und einem Mann zeigt. Darauf zu erkennen ist, dass vier Frauen eine Radhaube tragen, zwei andere, darunter Emilie Tahlweißer, eine so genannte Becherhaube.

Diese Becherhaube sieht aus wie ein umgestülpter Becher, es fehlt ihr das prächtig wirkende Rad. Diese Becherhaube aus dem Nachlass von Emilie Tahlweißer wurde der Bürgerwehr und Trachtengruppe ebenfalls als Schenkung versprochen. Allerdings wurde sie bisher noch nicht nach Villingen geholt.

Diese Haube wird für den Verein ebenfalls ein wertvoller Besitz werden. „Es gibt bisher bei uns keine Becherhaube“, berichtet Dominik Schaaf. „Wir haben bisher irrtümlich gedacht, dass die Becherhauben nur von Kindern getragen wurden.“ Angesichts der erwähnten Fotografie, die aus dem Jahr 1930 datiert, sieht dies die Trachtengruppe inzwischen anders. Vermutlich hat sich die Radhaube aus der Becherhaube entwickelt, weil die Damen im Laufe der Zeit zusätzliche Borden an die Hauben nähten, um sie stattlicher zu machen.

Eine fachliche Würdigung dieser Tracht will die städtische Museumsleitern Anita Auer im nächsten Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins publizieren. Auch das Museum hat kein vergleichbares Stück im Fundus. Die Bürgerwehr und Trachtengruppe beurteilt daher diese Schenkung als „überraschenden Glücksfall“, betont Kammerverwalter Dominik Schaaf.

Historische Villinger Tracht
Die Entstehung der Villinger Frauentracht wird auf die Zeit des Spät-Rokoko, also um die Zeit von 1770 datiert. Als spezifisches Merkmal gilt die Radhaube, welche die Trachtenträgerin auf dem Kopf trägt. Sie wird auch noch im Bodenseegebiet, Oberschwaben, im Allgäu und in Vorarlberg getragen. Dies deutet auf die gemeinsame Zugehörigkeit zum Habsburgerreich hin, zu dem Villingen fast 500 Jahre gehörte. Allerdings zeigen alte Fotos auch Trachtenfrauen mit Becherhauben.
Man vermutet inzwischen, dass sich die repräsentative Radhaube aus der schlichten Becherhaube entwickelt hat.

Trachtenerneuerungsbewegung: Um 1840 wurde die Tracht abgelegt, sie wurde nicht mehr getragen und verschwand in den Truhen der Bürgerschaft. Aber bereits rund 50 Jahre später erinnerte man sich wieder an die schöne Tracht, als man bei der damals noch jungen Narrozunft nach einer geeigneten Begleiterin für den stolzen Narro suchte. Die Fastnacht hat also die Tracht wiederbelebt. Ebenso der Tourismus. Um das Jahr 1900 wurde die Werbewirksamkeit der Tracht für die aufstrebende Fremdenverkehrsstadt Villingen entdeckt. Seither spricht man von der Trachtenträgerin als „Alt-Villingerin“.

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