Der Regen beginnt exakt in der Sekunde, als Landeskommandant Hajo Böhm auf dem Gelände der alten Tonhalle am Samstagabend das Kommando „Großer Zapfenstreich“ gibt. Und während Tausende Zuschauer, die das Gelände säumen, noch ihre Schirme aufspannen, dirigiert Markus Färber die Stadtmusik weiter. Militärmärsche, die Nationalhymne, die Europahymne Ode an die Freude von Beethoven, sie alle ergeben den Großen Zapfenstreich.
Auch Böhm dirigiert: 800 Mann hören an dem Abend auf sein Kommando – darunter rund 600 Gäste aus 25 Bürgerwehren aus Baden, Südhessen und Württemberg. Augen geradeaus, präsentiert das Gewehr, Augen rechts, Gewehr auf Schulter, Gewehr ab. Militärzone Mitten in der Innenstadt. Die Kosten für das Wochenende die belaufen sich laut Klaus Hässler auf einen größeren fünfstelligen Betrag. Das letzte Treffen dieser Art fand vor 32 Jahren in Villingen statt.
"Alles lief super. Das Echo war überwältigend", sagt Böhm am Sonntagmorgen beim Kommandantenempfang im Alten Rathaus. Das der Gäste und das aus den eigenen Reihen. Getrübt wurde die Freude lediglich durch einen Vorfall, der sich gut eine halbe Stunde zuvor ereignet hatte, beim Gottesdienst am Sonntagmorgen auf dem Münsterplatz. Bei den Salutschüssen am Ende hatte sich bei einem der Soldaten offenbar der dritte Schuss nicht gelöst. Vermutlich beim Entladen, sagt Dietmar Engler, Schriftführer der Bürgerwehr, habe sich der Schuss dann nachträglich gelöst und den vor ihm stehenden Kameraden am Ohr getroffen. Mit einem Knalltrauma wurde der Infanterist ins Klinikum gebracht. "Er hat aus dem Ohr geblutet, war aber die ganze Zeit ansprechbar", sagt Engler. "Es war ein Unfall", sagt Hajo Böhm. Und: "Es war ein erfahrener Soldat." Der Schock ist den meisten anzusehen. Nichtsdestotrotz geht es weiter. Zum Kommandantenempfang.
Rund zwölf Stunden früher verlässt Hajo Böhm sein kleines Podest auf dem alten Tonhallenareal, geht Richtung Ehrentribüne, auf der neben Innenminister Thomas Strobl auch Max Markgraf von Baden steht, salutiert und sagt: „Eure Hoheit, ich melde Serenade und Großer Zapfenstreich beendet.“ Klaus Hässler läuft im Nieselregen hinter der letzten Gruppe in Richtung Innenstadt, vorbei an winkenden und klatschenden Zuschauer, viele haben im Regen ausgeharrt und die Gruppen beim Auszug verabschiedet. Hässler strahlt: „Super, alles toll“, sagt er. Auch wenn es ohne Regen besser gewesen wäre.
Auch eine Abordnung der Grenadiere und ihrer Gastgruppen war beim Zapfenstreich dabei. Mit ihren Leiterwagen auf dem die Kinder saßen, Wollkleidern und Holzschuhen waren sie wohl der buntestes Trupp. Ihren großen Auftritt hatten die Grenadiere zu diesem Zeitpunkt aber schon hinter sich.
Als am Samstagabend, schlag 18 Uhr, die Glocken in Villingen läuten, steht der Vorsitzende der Grenadiere, Wolfgang Kunle, auf einer kleinen Bühne aus Holz auf dem Hubenloch, schaut ein letztes Mal auf den Ablaufplan vor sich und hebt sein Megafon. „Infanterie fertig werden, Artillerie Geschütze laden“, sagt er. In der kommenden Stunde werden über 200 Mann – darunter auch Vertreter der Bürgerwehren – aus 27 Kanonen und über 100 Musketen rund 60 Kilogramm Schwarzpulver abfeuern. Die Kanonen gegen den Takt an, die Musketen sorgen für den Rhythmus. „Wir haben uns eine Sinfonie geschrieben“, sagt Tim Hauser, Geschützführer. Und Wolfgang Kunle ist ihr Dirigent.
Mit dem Megafon in der Hand dreht er sich Richtung Publikum – Tausende stehen rund um das Gefechtsfeld – „Stellen Sie sich vor, wie es damals war, unten in der Stadt, wenn Sie über Wochen den Kanonendonner gehört haben.“ "Und wenn es vorbei ist, denken Sie vielleicht daran, wie gut wir es heute haben."
Es dauert keine fünf Minuten, dann ist die Wiese auf dem Hubenloch mit Nebelwolken überzogen – auf das Geplänkel im Umland mit Schüssen der Jäger folgt das Anrücken der Truppen auf die Stadt und schließlich die Beschießung. Lauf säubern, Schwarzpulver stopfen, Kanonenbatterie, Musketensalven, „Vier und fünf, Feuer!“, Rauch steigt auf aus allen Ecken. Die Sinfonie hat ihren Höhepunkt erreicht.
Nach einer Dreiviertelstunde rollen die ersten Gruppen ihre Fahnen ein, kurz darauf verkündet Kunle durchs Megafon: „Gegenwehr der Stadt“, das Horn erklingt, es folgen die Kanonen. Die Musketen sind schon verstummt, die Infanterie ist abgezogen. Dafür ist der Regen aufgezogen. Geschossen wird trotzdem weiter. So kurz vor dem Ende will keiner kapitulieren. Zumindest keiner auf dem Feld. Die Zuschauer sind nicht ganz so wehrhaft, der Großteil ist mit dem einsetzenden Regen gegangen. Dann ist es vorbei. „Sicherheit herstellen, Geschütze abmarschfertig machen“, sagt Kunle und von den Grenadieren tönt es hinter der Kanone: „Hipp, hipp, hurra! Hipp, hipp, hurra!“ Jubeln kann am Sonntagmorgen auch Wolfgang Kunle. "Wir sind hochzufrieden", sagt er. "Alles hat einwandfrei geklappt."

