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Villingen im Rausch der Geschichte

Von Neckarquelle (Christian Thiel) |

Der Höhepunkt des Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen am Sonntag war der Festumzug durch die Villinger Innenstadt, bei welchem über 1000 Uniformierte mit viel Musik und guter Laune ein buntes Bild historischer Zeitgeschichte malen konnten.

Zwischen historischem Lagerleben, donnernden Kanonen und dem Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen konnte die Zähringerstadt ein Wochenende im Zeichen der Vergangenheit genießen.

Dabei begann das Wochenende zunächst mit einem ordentlichen Donnerschlag – allerdings nicht aus einer Kanone, sondern direkt aus dem Himmel. In der Nacht von Freitag auf Samstag musste die frisch errichtete Zeltstadt in der Grünanlage ein ausgewachsenes Unwetter mit Blitz, Donner und Starkregen über sich ergehen lassen. Doch die verschiedenen Militärgruppen und -vereine, die einen Zeitraum vom frühen Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert darstellten, sind hart im Nehmen und haben zu großen Teilen trotz Sturm in ihren Zelten übernachtet.

„Das Unwetter war sehr heftig“, betont Thomas Hartmann vom Fähnlein Mauritius der Reservistenarbeitsgemeinschaft (RAG). „Aber unter unserem Sonnensegel haben wir es ausgehalten.“ Gemeinsam mit der Gruppe „d’Villinger“ stellen sie Handwerker und Waffenknechte um das Jahr 1470 dar. „Bei uns war alles klitschnass“ sagt auch Ines Nann, Geschäftsführerin des deutschlandweiten Vereins Freundeskreis lebendige Geschichte. In Villingen ist sie mit weiteren Vereinsmitgliedern als Husarentruppe im Biwak dabei und hat schon viele Unwetter mitgemacht. „Unsere Zelte sind glücklicherweise dicht. Als Leinenzelte quillen diese bei Regen zwar auf, halten aber das Wasser draußen.“

Biwak zieht die Menschen an

Pünktlich um 10 Uhr öffnete das große Biwak seine Pforten und lockte eine große Anzahl an Besuchern an. Zwischen den Zelten gab es allerlei zu erleben und viele Gäste kamen mit den Darstellern ins Gespräch. Ob Rittersmänner in voller Rüstung, wilde Alemannen oder Militärtruppen aus der Zeit Napoleons, an jeder Ecke konnte man etwas bestaunen. Immer wieder gab es kleine nachgestellte Scharmützel zwischen den Gruppen, bei welchen die Zuschauer historische Kämpfe hautnah verfolgen konnten. Musikalisch sorgte der Fanfarenzug Durchhausen für Stimmung, als diese auf den Villinger Wehranlagen aufspielte. Für viel Begeisterung sorgte auch die Theatergruppe „Aderlaß“ aus Bad Wimpfen. Mit kurzen Aufführungen wie zum Beispiel „Die Pest in Villingen“ sorgte sie für Unterhaltung und viel Gelächter – besonders dann, als die Theatergruppe auf die Idee kam, das arme Pestopfer einfach gen Schwenningen zu jagen.

Der Höhepunkt am Samstag war allerdings fraglos der vom Historischen Grenadiercorps Villingen-Schwenningen veranstaltete „Kanonendonner über Villingen“. Pünktlich um 17 Uhr ging es für die verschiedenen Gruppen und Vereine samt der insgesamt 26 Kanonen zum großen Umzug durch die Zähringerstadt los. Vom Romäusring aus ging es übers Niedere Tor und Riettor gen Hubenloch, wo man die Geschützstellungen annahm. Vor den Augen der anwesenden Gästen, darunter auch Ehrengast Markgraf Max von Baden, wurde dann unter der Regie von Grenadier- Hauptmann Wolfgang Kunle in mehreren Phasen die Beschießung der Stadt nachgestellt.

Schon nach kurzer Zeit waberten dicke Rauchwolken über das Hubenloch, die Erde zitterte unter der Wucht der Kanonen und der Geruch nach Schwarzpulver hing in der Luft. „Wir schießen jetzt nur eine Stunde, früher ging ein solcher Beschuss aber tagelang. Stellen sie sich einmal vor, wie sich die Bevölkerung gefühlt haben musste“, forderte Kunle die Zuschauer auf. Zum Ende der nachgespielten Beschießung fielen zwar noch ein paar Tropfen Regen, doch konnten diese die gute Stimmung nicht trüben. „Wir sind hochzufrieden“, betonte Kunle nach der Veranstaltung. „Die Beschießung lief nach Plan und wir konnten zwischen 2000 und 3000 interessierte Gäste im Biwak begrüßen. Es hat allen viel Spaß gemacht.“

Für das Grenadiercorps war der Tag damit vorbei, für die Historische Bürgerwehr unter der Leitung von Kommandant Hans-Joachim Böhm indes ging es jetzt erst richtig los. Um 21.30 Uhr starteten die insgesamt 24 Teilnehmer des Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen Baden- Südhessen zu ihrem Aufmarsch durch die Villinger Innenstadt zum großen Zapfenstreich. Unter den Augen des Ehrengastes, Innenminister Thomas Strobl, konnten die Gäste und Teilnehmer einen schönen Marsch unter der gelungenen musikalischen Darbietung der Villinger Stadtmusik genießen.

Im Geiste der Gemeinschaft

Für einen ersten Donner am Sonntag sorgte die Bürgerwehr Rottenburg, die im Takt einer großen Trommel um 9 Uhr durch das noch verschlafene Villingen in Richtung Münsterplatz zog. Hier trafen sich die verschiedenen Bürgerwehren zum ökumenischen Gottesdienst. In ihrer gemeinsamen Predigt hoben Dekan Josef Fischer und Dekan Wolfgang Rüter-Ebel nicht nur die große gesellschaftliche Verantwortung der Vereine hervor, sondern betonten auch, welch einzigartige Gemeinschaft durch viel ehrenamtliche Arbeit entstanden ist. Am Ende der stimmungsvollen Predigt wurde mit einem dreifachen Salut an die Verstorbenen gedacht, bei welchem es zu einem unglücklichen Unfall kam (siehe gesonderten Bericht).

Im Anschluss betonte Oberbürgermeister Rupert Kubon beim Kommandantenempfang im Villinger Rathaus, welche besondere Chance das Landestreffen sei. „Gerade im Hinblick auf unsere 1200-Jahr-Feier gibt uns dieses Treffen die Chance, uns auf eine Zeitreise in und um das Jahr 1810 zu machen.“ Uniformen würden zwar an Auseinandersetzungen erinnern, wie es sie etwa mit Frankreich gegeben hat. „Das wir aber heute unter anderem auch Gäste aus unserer Partnerstadt Pontarlier begrüßen können, zeigt, dass heute das Gemeinsame zu starken Verbindungen führt.“

Dem schloss sich Professor Urban Bacher, Vorsitzender des Freundeskreises historischer Bürgerwehren, direkt an. „Die historischen Bürgerwehren sahen den Schutz ihrer Stadt und der Bürger als ihre oberste Aufgabe. Sie haben geschützt und nicht angegriffen.“ Noch heute seien die ursprünglichen Werte wie Freiheit, Gleichheit und Kameradschaft ein integraler Bestandteil dieser Bewegung. „Bürgerwehren und Milizen sind heute ein konstruktiver Teil der Gesellschaft, erhalten das Brauchtum und erinnern an die Geschichte“, so Bacher.

Eine besondere Überraschung gab es während des Empfangs für den Ehrenhauptmann der Infanterie Gerd Laun. Ihm wurde zu seiner großen Überraschung die Ehrennadel des Landes Baden- Württemberg für das Ehrenamt übergeben.

Festumzug zum Abschluss

Den feierlichen Abschluss des gelungenen Festwochenendes bildete der große Festumzug durch die historische Villinger Innenstadt. Alle Teilnehmer des Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen marschierten hierbei am Sonntagnachmittag in einem langen Zug durch die Zähringerstadt und begeisterten die vielen Zuschauer am Wegesrand mit Musik und einer großen Portion guter Laune.

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